Verein Gambia-Hilfe e.V.

Bericht: Eine Reise nach Changally vom 27.12.2011 bis 18.01.2012

Ein Foto in Manjai beim Medikamente einsortierenMein Name ist Birgit Vorlaender, ich bin 45 Jahre alt und seit 3 Jahren in dem Verein Gambia Hilfe aktiv. Da es in diesem Winter mein dritter Besuch in Gambia war, war ich mit dem Umfeld schon bekannt und konnte ohne großen Aufwand an die Arbeit im vorigen Jahr anknüpfen.

In Manjai angekommen, erwartete mich schon eine Containerlieferung aus Deutschland, mit zahlreichen Medikamenten, die nur darauf warteten ausgepackt und einsortiert zu werden.
Dank unserer neu eingeführten Ordnung im Medikamentenlager, lässt sich der Verbrauch der einzelnen Medikamente mit Hilfe einer Excel Tabelle verfolgen und nachvollziehen.
Da meine Reise jedoch weiter ging, habe ich im Anschluss daran die Medikamente für die nächsten vier Monate, der Klinik in Changally gepackt. Außerdem fehlten noch Medikamente, die wir in der Hauptstadt Banjul in einer Apotheke, die speziell Kliniken versorgt, dazu kaufen konnten.Dann ging es am frühen Morgen des nächsten Tages nach Changally. Das kleine Dorf liegt ca. 300 km im Landesinneren. Da die Straßen teilweise sehr schlecht sind, benötigt man für die Strecke 8-9 Stunden. Oft muss auf die Fähre gewartet werden, da das Dorf auf der anderen Flussseite des Gambia-River liegt.
In der Klinik und im Dorf wurden wir auf das Herzlichste begrüßt. Brigitte Eickholt, die die Klinik mit ihrem verstorbenen Mann aufgebaut hat, er wollte etwas für sein Dorf tun, wurde vom Ältesten Rat besucht. Alle Dorfbewohner sind sehr dankbar über die Klinik, haben aber auch weitere Wünsche für ihr Dorf, z.B. einen Kindergarten, ein Gartenprojekt, das schon mal gut gelaufen ist, aber durch Krankheit und Buschfeuer jedoch zum Erliegen kam; eine Ambulanz für Notfälle und Unterstützung für das Schulessen.

Ein Foto in von der Klinik in Changally Die Klinik und das Gelände selbst waren in guten Zustand, im letzten Jahr haben wir bei unserem Einsatz umfangreiche Renovierungs - und Instandhaltungsarbeiten durchgeführt, sodass dieses Jahr nur Kleinigkeiten anstanden.
Die Klinik versorgt im Jahr ca. 8.300 Patienten, im letzten Jahr gab es 36 Geburten. Es werden Erstversorgungen der Patienten durchgeführt. Häufige Erkrankungen sind Malaria, Wurm- und Pilzerkrankungen. Durch Mangelernährung sind die Menschen sehr anfällig. Atemwegserkrankungen sind an der Tagesordnung, das Klima ist in dieser Jahreszeit heiß und sehr trocken, tagsüber steigen die Temperaturen auf 35-40°C. Wenn dann noch Wind dazu kommt, ist der Staub überall im Nasen- und Rachenraum und die Anzahl an Infektionen steigt.
Vormittags war ich meist in der Klinik. Bei den einheimischen Erkrankungen sind mir die beiden Krankenpfleger, die dort die Funktion eines Hausarztes haben, deutlich überlegen. Es kommt aber immer zum kollegialen Austausch und damit zu neuen Ideen, sodass beide Seiten davon profitieren. In der Wundbehandlung kann ich meist gut unterstützen, da immer wieder neue Verbandsmaterialien aus Deutschland mitgebracht werden, für die es an Erfahrung fehlt.
In diesem Jahr war in der Regenzeit deutlich weniger Regen. Auch für mich war jetzt, bei meinem dritten Besuch, das Klima sehr anstrengend. Durch die schlechte Ernte war diesmal auch der Hunger deutlich sichtbar, in der Klink sah ich die Mangelernährung. Wenn die Kinder eine Schüssel Reis mit Gemüse und Fisch bekamen, konnte ich kaum glauben, wie schnell alles aufgegessen war. Dies war dann oft die einzige Mahlzeit für den Tag.
Im vorigen Jahr hatte wir Kontakt zu Kaddy aufgenommen. Sie ist eine „Dentist Assistent“ und hat in einem von Deutschen geleiteten Health- Center eine dreimonatige Ausbildung zum „Zähne Ziehen“ absolviert.

Ein Foto beim Zahnarzt in ChangallyFüllungen und Zahnprothesen sind in dieser Region Gambias nicht denkbar. Kaddy kommt ca. alle sechs Wochen für zwei Tage, vorher gibt es einen Radiospot, so dass die Menschen informiert sind. Sie berät die Patienten ausführlich, benutzt Lokalanästhetika und kann auf Schmerzmedikamente und Antibiotika der Klinik zurück greifen.
Im letzten Jahr kamen 87 Patienten zu ihr, was sich zunächst nicht sehr viel anhört. Sie ist aber im Umkreis von 50 km die Einzige, die zahnmedizinisch helfen kann. Wenn man sich vorstellt, dass die Menschen oft nur mit dem Esels- oder Pferdekarren unterwegs sind, wird deutlich, wie wichtig dieses regionale Angebot ist.
Gesehen habe ich einen jungen Mann, der drei Jahre in Malawi gearbeitet hat und uns mitteilte, dass er keine Möglichkeit hatte, zum Zahnarzt zu gehen. Zwei Zähne waren vereitert und die Entzündung hatte sich durch die Wange einen Weg nach außen gesucht.
Auch andere Patienten hatten mit Entzündungen zu tun, teilweise konnten die Zähne zum Glück auch unproblematisch gezogen werden.
Insgesamt war ich zehn Tage in Changally. Nach meiner Arbeit vormittags in der Klinik, habe ich mich nachmittags um Organisatorisches bemüht. Es stand zum Beispiel ein Besuch im Garten an, der reaktiviert werden soll. Es sind Fragen zu klären, wie groß dass Gelände ist, was an Material benötigt wird oder wer dafür verantwortlich ist. Dies wird aber dann erst in Deutschland entschieden. Die Brunnen, die damals gebaut wurden, sind noch intakt.
Außerdem besuchte ich die Schule. Nach der letzten Regenzeit hat zum Schuljahresbeginn im September 2011 ein neuer Schulleiter angefangen. Die Klassenräume, sowie das Mobiliar der Schule waren in deutlich besserem Zustand, als bei meinen letzten Besuchen. Der Schulgarten soll ebenfalls wieder aktiviert werden, oft die einzige Versorgung der Kinder mit Gemüse.
Das World Food Programm fördert die Schulen mit Reis, Bohnen und Öl. Das alleine jeden Tag ist dann doch sehr karg. Ein wesentlicher Grund in die Schule zu gehen und auch von den Eltern geschickt zu werden, ist gutes Essen in der Schule.
Deshalb hilft der Verein jedes Jahr mit dem Kauf von Nahrungsmitteln. Gekauft werden Zwiebeln, Tomatenmark, Pfeffer und getrockneter Fisch. Der neue Schulleiter hat versprochen die Tradition wieder einzuführen, dass jedes Kind Erdnüsse mitbringt, die beim Kochen verwendet werden. Außerdem möchte er pro Quartal fünf Dalasi einsammeln (ca. 3-4 Cent), um frisches Gemüse dazu zu kaufen.

Ein Motorrad wird in einem kleinen Boot transportiertWie fast in jedem Jahr, stand auch diesmal ein Besuch in Basse an, um Material für die Klinik zu besorgen. Der Krankenpfleger Eduwardo und ich fuhren die drei Kilometer mit dem Motorrad zum Fluss, wobei die Straße so schlecht ist, dass man zu Fuß fast genau so schnell wäre. Anschließend wird mit der Fähre übergesetzt. Es folgt ein kurzer Fußmarsch in das Dorf von ca. einem Kilometer. Dort befindet sich dann die Hauptstrasse nach Basse. Diesmal kam sehr schnell ein Buschtaxi und wir waren nach 20 Minuten dort. Mitunter wartet man auch schon mal zwei Stunden, bis man eine Fahrtmöglichkeit bekommt.

Auf dem Markt in BasseIn Basse angekommen, kauften wir Dinge zum Instandhalten der Klinik, unter anderem vier Säcke Zement. Alles wurde in ein Taxi geladen. Ich hatte Sorge, dass die Zementsäcke den durchgerosteten Boden des Taxis durchbrechen könnten. Aber irgendwie funktionierte es doch, wie immer. Nach der Fährüberfahrt wurden die Materialien weiter mit dem Eselskarren zur Klinik transportiert.
Bei uns dauert so ein Einkauf im Baumarkt eine gute Stunde, in Gambia waren wir fünf Stunden unterwegs. Den gleichen Weg haben Patienten, wenn sie in Changally nicht behandelt werden können.

Ein neugeborenes KindIn den 10 Tagen in Changally kamen zwei Kinder zur Welt. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie problemlos die Frauen gebären. Sie kommen immer sehr spät und entbinden in der Regel innerhalb von zwei Stunden. Das zweite Baby kam in der Nacht bei Kerzenbeleuchtung und hatte die Nabelschnur zwei Mal um den Hals geschlungen. Ganz ruhig und erfahren, hat Eduwardo die Nabelschnur um den Hals gelöst und das Kind sicher auf die Welt gebracht. Mutter und Kind gingen nach zwei Stunden nach Hause. Das Ganze bei der schlechten Beleuchtung ist für mich, die auch die hochtechnisierte Medizin in Deutschland kennt, immer wieder unglaublich.
Das war an meinem letzten Abend in Changally. Am nächsten Morgen ging es dann zurück an die Küste.

Viele Menschen auf einem LKWEin Auto bedeutet in Changally absoluten Luxus. Jeder der kann, nutzt die Fahrgelegenheit. Dementsprechend viele Menschen, Kinder und Transportgüter machten sich auf den Weg. Das kann man einfach nicht beschreiben, man muss es erlebt haben.
In Manjai freute ich mich sehr über das deutlich angenehmere Klima. Ich hatte das Gefühl, viel besser Durchatmen zu können und der Husten lies nach.
Jetzt waren es noch sechs Tage bis zur Abreise nach Deutschland. Es gab noch sehr viel zu tun. Mit der neuen Liste aus Changally packte ich dann die Medikamente für April bis Ende August.
Nach einem Gespräch mit einem befreundeten gambianischen Arzt, der in Heidelberg studiert hat, haben wir sehr viele Tipps erhalten, wie wir Medikamente von der Regierung bekommen, wie das Arbeitsleben in anderen Kliniken läuft und was generell noch möglich ist. Der kollegiale Austausch war wichtig für die weitere Arbeit in der Klinik.

Der Kindergarten in ChangallyAuch für den Kindergarten gab es noch einiges zu tun. Es wurden haltbare Nahrungsmittel bis zur Regenzeit gekauft. Dann ist der Kindergarten drei Monate geschlossen und öffnet Anfang September wieder.
Die zusammen mit den Medikamenten im Container angelieferten neuen Tretroller, Bollerwagen und Kettcar wurden zur Freude der Kinder übergeben.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell die Kinder Englisch lernen und bin fest davon überzeugt, dass diese so geförderten Kinder einen guten Start in der Schule haben werden.
Besonders schön fand ich am letzten Abend den Besuch einer jungen Frau, die aus Deutschland gesponsert wurde. Zunächst die Schule, dann eine Ausbildung in der Buchhaltung. Die junge Frau war nach der Ausbildung zwei Jahre arbeitslos, bevor sie eine Anstellung bekam. Jetzt ist sie zufrieden in ihrem Beruf und hat es wirklich geschafft.
Die erste Woche in Deutschland ist nach diesen Erfahrungen immer ganz besonders. Es sind derart unterschiedlichen Lebensumstände und doch ist es die gleiche Welt. Es fällt mir schwer, das zu begreifen.